Hintergrund

1. Weltkrieg

Mit dem unerfahrenen, jungen Kaiser Wilhelm II. geriet Deutschland auch außenpolitisch in schweres Fahrwasser. Er versuchte, den weltpolitischen Vorsprung der seit langem imperialistisch ausgreifenden anderen Großmächte aufzuholen, verstrickte sich dabei aber zunehmend in Isolierung. Innenpolitisch blieb die Sozialdemokratie, die Kraft mit den meisten Wählern, von der politischen Teilhabe weitgehend ausge­schlossen. Sie bekam ihre Chance erst nach der Niederlage der alten Ordnung im Ersten Weltkrieg.  
 
Diesen Krieg hatte eigentlich keine der beteiligten Mächte angestrebt - wenn sich auch die Spannungen im Frühsommer 1914 so aufgebaut hatten, dass die gewaltsame Lösung der verschiedenen außenpolitischen Ziele der europäischen Mächte als eine mehr oder minder willkommene Option bewusst in Kauf genommen worden war. Der deutsche Aufmarschplan scheiterte schon im Ansatz. Er sah eine rasche Niederwerfung Frankreichs vor. Doch nach der Marne-Schlacht versanken beide Seiten in einem grausamen Stellungskrieg, der ohne jeden militärischen Nutzen ungeheure Mengen an Menschenleben kostete und eine sinnlose Materialschlacht bedeutete. 1917 brachte der Kriegseintritt der USA die sich längst andeutende Entscheidung, an der auch die Oktoberrevolution in Russland von 1917 und der Frieden im Osten nichts mehr ändern konnten. Dem militärischen Zusammenbruch folgte die politische Umwälzung: Kaiser und Fürsten räumten als Folge der Deutschen Revolution im November 1918 die Throne. Unter der äußeren Katastrophe wich die gescheiterte Monarchie der jahrzehntelang im Inneren bekämpften Alternative - der Republik.

2. Weltkrieg

Hitler reichte die territoriale Vergrößerung des Deutschen Reichs nicht. Er wollte mehr. Im März 1939 ließ er deutsche Truppen nach Prag einmarschieren, und am 1. September desselben Jahres entfesselte er mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg. In fünfeinhalb Jahren kostete der Krieg 55 Millionen Menschen das Leben und verwüstete weite Teile Europas. Viele Länder erlebten die Deutschen als harte Besatzer. Die eroberten Gebiete reichten von der französischen Atlantikküste bis vor die Tore Moskaus, von Nordnorwegen bis nach Nordafrika. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann ein gnadenloser Vernichtungsfeldzug im Osten.  
 
Mit dem Kriegseintritt der USA 1941 und der Niederlage in Stalingrad 1943 wendete sich das Blatt. Bei der Befreiung der besetzten Gebiete fanden die alliierten Truppen mehr oder minder stark organisierte Widerstands­gruppen vor. Aber auch in Deutschland hatte es in allen Jahren immer wieder verzweifelten Widerstand Einzelner oder verschiedener Gruppen aus allen Schichten des Volkes gegeben. Ein von Graf Stauffenberg und anderen Widerstands­kämpfern am 20. Juli 1944 verübtes Bombenattentat scheiterte: Hitler überlebte und ließ über viertausend Menschen hinrichten. So ging der Krieg unter großen Opfern auf beiden Seiten weiter, bis das ganze Reichsgebiet von Alliierten besetzt war, Hitler am 30. April 1945 Selbstmord beging und eine Woche später das finsterste Kapitel in der deutschen Geschichte mit der bedingungslosen Kapitulation endete.

Bismarck-Reich

Bismarck arbeitete als Reichskanzler weiter auf die kleindeutsche Einheit zu und brach nach einem diplomatischen Konflikt um die spanische Erbfolge den Widerstand Frankreichs im Krieg von 1870/71. Dieser gemeinsame Waffengang verstärkte die patriotische Begeisterung auch in den süddeutschen Staaten, die sich mit dem Norddeutschen Bund umgehend zum Deutschen Reich zusammenschlossen. Am 18. Januar 1871 wurde in Versailles der preußische König Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausgerufen.  
 
Dieses Deutsche Reich war also nicht durch eine Volksbewegung „von unten“, sondern durch Fürstenbeschluss „von oben“ entstanden. Der neu gegründete Reichstag wurde aufgrund des allgemeinen und gleichen Wahlrechts zusammengesetzt. Daneben bestand in Preußen und den anderen Bundesstaaten ein vom Einkommen abhängiges Klassenwahlrecht. Zwar wurde mit dem wirtschaftlichen Erfolg das Bürgertum immer einflussreicher, aber in der politischen Gestaltung blieben der Adel und das aus vielen Adligen bestehende Offizierskorps bestimmend. Der 19 Jahre lang regierende Bismarck stand - bei aller außenpolitischen Weitsicht - den demokratischen Tendenzen im Inneren verständnislos gegenüber. Erbittert bekämpfte er den linken Flügel des liberalen Bürgertums, den politischen Katholizismus und ganz besonders die Arbeiterbewegung, die er von 1878 bis 1890 durch die Sozialistengesetzgebung gewissermaßen unter Ausnahmerecht stellte. Trotz fortschrittlicher und lange Zeit sogar beispielhafter Sozialgesetzgebung blieben weite Teile der Arbeiterschaft dem Staat entfremdet.

Freie Wahlen in der DDR

Erstmals seit 40 Jahren konnten die DDR-Bürger am 18. März 1990 frei wählen. Auf die CDU und den Demokratischen Aufbruch (DA) entfielen 41,7 Prozent der Stimmen, auf die SPD 21,9, auf die Deutsche Soziale Union 6,3, auf die Liberalen 5,9 und auf die bislang allmächtige SED, die sich inzwischen in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) umbenannt hatte, 16,4 Prozent der Stimmen. Das war ein Votum für eine beschleunigte Wiedervereinigung. Lothar de Maizière trat an die Spitze einer Koalition aus CDU, DSU, DA, SPD und FDP. Mit ihm vereinbarte die Regierung Kohl einen Fahrplan für eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zum 1. Juli 1990. Für die Fortsetzung einer staatlich eigenständigen DDR gab es keine ökonomische Basis mehr. Im August 1990 sprach sich die DDR-Volkskammer für den schnellstmöglichen Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland aus. Der Einigungsvertrag vom 31. August sah vor, dass die fünf neu gebildeten Länder Brandenburg, Mecklenburg- Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Länder der Bundesrepublik Deutschland werden. In Moskau unterzeichneten am 12. September 1990 die Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, der USA, der Sowjetunion, Großbritanniens und Frankreichs den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“, den so genannten Zwei-plus-vier-Vertrag, der am 2./3. Oktober von den KSZE-Außenministern in New York in einem Kommuniqué begrüßt wurde. Am 3. Oktober 1990 endete die Existenz der DDR. Die staatliche Einheit Deutschlands war wieder hergestellt.

Friedliche Revolution

Die „sanfte Revolution“ in der DDR  bewirkte eine Art Lähmung der Staatsorgane. Das SED-Politbüromitglied Günter Schabowski gab am Abend des 9. Novembers 1989 eine neue, freizügige Ausreiseregelung bekannt, die einen ungeheuren Erwartungsdruck der DDR-Bewohner und die Öffnung der Grenzüber­gangs­stellen in Berlin auslöste. Unbe­schreib­liche Freudenszenen spielten sich in dieser Nacht auf den Grenzstraßen und auf dem West-Berliner Kurfürstendamm ab, als die Mauer faktisch gefallen war. Der Regierende Bürgermeister Walter Momper brachte die gesamtdeutsche Stimmung jener Tage zum Ausdruck: „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt.“  

Der friedliche Umsturz in der DDR brachte die Chance zu der jahrzehntelang erstrebten und von vielen nicht mehr für möglich gehaltenen Wiedervereinigung Deutschlands. Bundeskanzler Kohl stellte am 28. November 1989 ein Zehn-Punkte-Programm vor, das über aktuelle Wirtschaftshilfe, einen grundlegenden Wandel des politischen und ökonomischen Systems, eine Vertragsgemeinschaft und konföderative Strukturen den Weg zu einem bundesstaatlich verfassten wiedervereinigten Deutschland skizzierte. Die Opposition stimmte dieser Perspektive zu. Aber den protestierenden und demonstrierenden Menschen in der DDR erschien diese Perspektive zu langwierig. Längst waren die Rufe auf den Straßen von „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ übergegangen. Am 15. Januar 1990 versammelten sich in Leipzig 150.000 Menschen unter der Devise „Deutschland einig Vaterland“. Die Bürgerrechtsbewegung misstraute der neuen Regierung unter Hans Modrow. Der Sog des Westens verstärkte sich von Woche zu Woche, die Destabilisierung der DDR nahm rapide zu.

Glaubensspaltung

Politisch führte die Reformation zu einer weiteren Stärkung der Landesfürsten. Nach wechselvollen Kämpfen gab ihnen 1555 der Augsburger Religionsfriede das Recht, die Religion ihrer Untertanen zu bestimmen („cuius regio eius religio“). Die protestantische Konfession war der katholischen gleichgestellt - Deutschland wurde zu vier Fünfteln protestantisch. Kurze Zeit später ging die Zeit Karls V. zu Ende. Stark auf die Weltpolitik fixiert, hatte er der Stellung des Kaisers in Deutschland nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet. Fortan ging das Weltreich getrennte Wege. Hier die deutschen Territorialstaaten, weiterhin im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, dort die westeuropäischen Nationalstaaten - so sah das neue europäische Staatensystem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus. Doch der Kampf der Konfessionen dauerte an. In der Gegenreformation konnte die katholische Kirche viele Gebiete zurückgewinnen. Die konfessionellen Gegensätze verschärften sich, führten zur Bildung von Religionsparteien (protestantische Union/ katholische Liga) und mündeten in den Dreißigjährigen Krieg. Zwischen 1618 und 1648 zog diese europäische Auseinandersetzung eine Blutspur durch viele Regionen Deutschlands, die verwüstet und entvölkert wurden.

Gründung der Bundesrepublik

Die Ministerpräsidenten der Bundesländer beriefen 1948 eine Versammlung zur Ausarbeitung einer Verfassung für einen aus der Trizone hervorgehenden Staat ein. Diese Verfassung war bis zu einer Wiederver­einigung Deutschlands von Anfang an als Provisorium gedacht und wurde daher Grundgesetz genannt. Viele Vorstellungen flossen ein, so die Überlegungen der westlichen Besatzungsmächte, vor allem aber die Erfahrungen mit der untergegangenen Weimarer Republik.  
 
Der Verfassungskonvent von Herrenchiemsee (und später der aus Abgeordneten der Landtage bestehende Parlamentarische Rat) entschied sich für einen demokratischen und sozialen Bundesstaat. Es waren diese Männer und Frauen der ersten Stunde, die demokratische Traditionen aus dem Geist von 1848/49 und 1919 sowie den „Aufstand des Gewissens“ vom 20. Juli 1944 einbrachten. Sie verkörperten das „andere Deutschland“ und gewannen den Respekt der Besatzungsmächte. Die Geburtsstunde schlug am 23. Mai 1949 mit der feierlichen Verkündung des Grundgesetzes. Nach der Wahl zum ersten Bundestag am 14. August 1949 wurde die Verfassung mit parlamentarischem Leben erfüllt. Die erste Bundesregierung unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) bereitete die Rückkehr Deutschlands auf einen „ehrenhaften Platz unter den freien und friedliebenden Nationen der Welt“ vor, wie dies US-Außenminister Byrnes drei Jahre zuvor als Projekt verkündet hatte.  
 
Adenauer sowie der erste Bundespräsident Theodor Heuss (FDP), Ludwig Erhard (CDU), der Vater des „Wirtschaftswunders“, und die großen Oppositionsführer der SPD wie Kurt Schumacher oder Erich Ollenhauer sowie der Weltbürger Carlo Schmid gaben dem neuen Parteiwesen in Westdeutschland ein unverkennbares Profil und schufen neues Vertrauen in den deutschen Staat. Schritt für Schritt erweiterten sie die deutschen Mitspracherechte und den politischen Einfluss auf Besatzungsstatut und internationale Gremien. Zu dem neuen Ansehen der Bundesrepublik Deutschland in der Welt trug die konsequente Politik der Wieder­gut­machung gegenüber Israel und jüdischen Organisationen bei. Bereits 1952 wurde in Luxemburg ein erstes Abkommen zur Zahlung von Eingliederungshilfen für jüdische Flüchtlinge in Israel unterzeichnet. Von den im Laufe der Zeit gezahlten insgesamt rund 90 Milliarden D-Mark für die Wiedergutmachung ging etwa ein Drittel an Israel und jüdische Organisationen, insbesondere an die Jewish Claims Conference, einen Härtefonds für jüdische Verfolgte in aller Welt.  
 
Die Übereinstimmung der Deutschen mit ihrem Staat, der jungen Bundesrepublik, wurde von Anfang an durch einen wirtschaftlichen Aufschwung gefördert. Millionen von Carepaketen aus den USA hatten die Solidarität zwischen den Völkern der Sieger und der Besiegten in Zeiten größter persönlicher Not begründet. Amerikanische Auslandshilfe hatte weitere Grundsteine gelegt. Der entscheidende Hebel für den Aufschwung bestand indes in dem europäischen Hilfs- und Wiederaufbaupro­gramm, das US-Außenminister George C. Marshall im Juni 1947 vorgestellt hatte und aus dem Westdeutschland von 1948 bis 1952 rund 1,4 Milliarden Dollar zuflossen.

Gründung der DDR

Während im Westen Deutschlands das Modell der sozialen Marktwirtschaft aufgebaut wurde, ging in der Sowjetischen Besatzungszone die Sozialisierung der Industrie voran. Die Trennung zwischen Ost und West war mit der Verkündung der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1949 auch juristisch vollzogen. Es gab zwei deutsche Staaten, die beide den Anspruch erhoben, Kern und Modell eines wiederherzustellenden Gesamtdeutschlands zu sein. Die DDR folgte mit Einheitslistenwahlen, straffer Lenkung und Kontrolle von Staat und Gesellschaft durch die SED dem Muster der sowjetisch beherrschten „Volksdemokratien“ Ostmittel- und Südosteuropas.  
 
Das sowjetische Angebot, Deutschland bis zur Oder-Neiße-Grenze als „demokratischen und friedliebenden“ Staat im Status strikter Neutralität wieder zu vereinen, wurde von den Westmächten auf dringendes Anraten Adenauers nicht tiefer ausgelotet. Adenauer wollte die Westintegration der Bundesrepublik nicht aufs Spiel setzen. Und er fühlte sich bestätigt, als ein Jahr später, kurz nach Stalins Tod und nach Veränderungen in der Moskauer Führung, sowjetische Panzer einen Volksaufstand in derDDR  am 17. Juni 1953 blutig niederwalzten. Auch in Ungarn schlugen sowjetische Truppen im November 1956 einen Volksaufstand nieder. Die Sowjetunion forcierte ihr Programm der atomaren Aufrüstung und entschied das Rennen um die Nutzung des Weltraums mit dem „Sputnik“ im Oktober 1957 für sich, was im Westen einen „Sputnik-Schock“ auslöste.  
 
Vor diesem Hintergrund entwickelte sich ein Status quo, der lange anhielt. Während die Westmächte ihre Präsenz in West-Berlin sowie Freiheit und Sicherheit der Stadt gewährleisteten, schottete sich die DDR immer mehr ab: Am 13. August 1961 wurde die Mauer mitten durch Berlin gebaut und ein Todesstreifen entlang der Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten gezogen. Damit sollte der Flüchtlingsstrom aus der DDR nach Westen gestoppt werden.

Kalter Krieg

In Deutschland spiegelte sich wie nirgendwo sonst auf der Welt der bald nach Kriegsende beginnende Kalte Krieg wider. Die westlichen und sozialistischen Gesellschaftssysteme fielen auseinander. Mit Hilfe der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrten KPD-Führung setzte die sowjetische Besatzungsmacht im östlichen Teil Deutschlands eine „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ durch, die alle entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Funktionen auf die Kommu­nis­ten und ihre Vertrauten konzentrierte. Die Devise hatte der Chef der Kommunisten-Gruppe Walter Ulbricht ausgegeben: „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“ Es entstanden Parteien auf Zonen-Ebene und mehrere Zentralverwaltungen. In den westlichen Besatzungszonen vollzog sich derweil die Wiederbelebung der politischen Administration von unten nach oben. Politische Parteien waren zunächst nur auf lokaler Ebene zulässig, nach Bildung der ersten Länder dann auch auf Landesebene. Erst sehr viel später konnten sich die Parteien auch zonenweit organisieren. Auch Verwaltungsorgane kamen auf Zonenebene nur in Ansätzen zustande. Die materielle Not des zerstörten Landes verlangte jedoch nach länder- und zonenübergreifender Kooperation. Da die Viermächteverwaltung aber nicht funktionierte, schlossen die USA und Großbritannien ihre Besatzungsterritorien 1947 zur Bizone zusammen.  

 
Ein besonders augenfälliger Schritt zu einer innerdeutschen Trennung war im April 1946 die im sowjetisch besetzten Teil erzwungene Vereinigung von Kommu­nis­tischer und Sozialdemokratischer Partei zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei gleichzeitiger Zusammenführung aller übrigen Parteien in einem kommu­nis­tisch geführten Parteienblock. Aber auch auf westlicher Seite wurde eine Einstellungsänderung offenkundig. Am 6. September 1946 formulierte US-Außenminister James Byrnes in seiner Stuttgarter Rede neue Gedanken. Die Grenzziehungen Polens galten nun als vorläufig, und die Präsenz der westlichen Alliierten in Deutschland wurde weniger als Besatzung, sondern mehr als Schutz vor einem weiteren Vordringen des Kommunismus empfunden. Nachdem die Franzosen vom Vorteil einer intensiveren Kooperation überzeugt worden waren, entstand nun ein einheitliches westliches Wirtschaftsgebiet in der Trizone.  
 
Auf eine harte Bewährungsprobe wurde die Verpflichtung des Schutzmacht-Status gestellt, als der sowjetische Staats- und Parteichef Josef Stalin die Einführung der D-Mark in der Trizone zum Anlass nahm, West-Berlin mit dem Ziel zu blockieren, es der Sowjetischen Besatzungszone einzuverleiben. In der Nacht zum 24. Juni 1948 unterbanden die Sowjets jede Landverbindung von den westlichen Besatzungszonen nach West-Berlin sowie sämtliche Versorgung der westlichen Stadtteile mit Energie und Lebensmitteln aus der umgebenden Besatzungszone.  
 
Die Alliierten antworteten mit einer beispiellosen Luftbrücke, über die bis zum Mai 1949 die Bevölkerung West-Berlins versorgt wurde. In über 277.000 Flügen brachten die „Rosinenbomber“ 2,3 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, Medikamente, Brennstoffe und Baumaterialien in die Stadt, die sie so am Leben erhielten. Gleichzeitig demonstrierten die Amerikaner durch ihre tatkräftige Verbundenheit mit Berlin als Vorposten westlicher Politik und Lebenskultur sowohl ihre Stärke als auch ihre Entschlossenheit.  

Mittelalter

Deutschland war die längste Zeit seiner Geschichte kein einheitlicher Staat, sondern ein loser Verbund vieler Territorialstaaten im Rahmen des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“. Es war ein langer Weg bis zur Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871.  

Der Begriff „deutsch“ ist erst im 8. Jahr­hun­dert aufgekommen. Er bezog sich auf die Sprache, die im östlichen Teil des Fran­ken­reiches gesprochen wurde, und bedeutete „so wie das Volk spricht“ (im Gegensatz zu der Gelehrtensprache Latein). Nach dem Tod Karls des Großen (814) brach das Franken­reich auseinander - im Wesentlichen entlang der Sprachgrenze zwischen dem früh­mittel­alter­lichen Französisch und dem Althoch­deutschen. Erst nach und nach entwickelte sich bei den östlichen Bewohnern ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wo Deutsch gesprochen wurde, sollte auch „Deutschland“ sein. Während die Westgrenze früh feststand, kam die Ostsiedlung erst im 14. Jahrhundert zum Stillstand. Die Berührung und Über­lage­rung von deutschen und slawischen Bevölke­rungs­gruppen hatte bis zum Zweiten Welt­krieg Bestand.

Rückblickend gilt der Amtsantritt von König Konrad I. (911) als Übergang vom ostfränkischen zu einem deutschen Reich. Doch der offizielle Titel war wegen Konrads Herkunft zunächst „fränkischer König“ und später „römischer König“. Das Reich selbst hieß seit dem 11. Jahrhundert „Römisches Reich“, seit dem 13. Jahrhundert „Heiliges Römisches Reich“, und im 15. Jahrhundert erhielt es den Zusatz „Deutscher Nation“. In diesem Reich wurde der König vom hohen Adel gewählt. Er war - von Ausnahmen abgesehen - mit seinem Vorgänger verwandt. Das mittelalterliche Reich hatte keine Hauptstadt, das Königtum war mobil. Es gab keine Reichssteuern; seinen Unterhalt bezog der König vor allem aus „Reichsgütern“, die er treuhänderisch verwaltete. Der König wurde begriffen als ein an die überlieferten Volksgesetze und die Zustimmung der Großen gebundener Herrscher, dem eigene Gesetzgebungs-, Besteuerungs-, Gerichts- und Heeresgewalt sowie die Kirchenhoheit zustanden. Er war zugleich oberste Instanz der Friedenswahrung.  
 
König Otto I. ließ sich 962 in Rom zum Kaiser krönen. Dieses Kaisertum, auch von Ottos Nachfolgern wahrgenommen, bedeutete der Idee nach die Herrschaft über das gesamte Abendland. Aber Idee und Wirklichkeit klafften weit auseinander. Weil sich die Könige zur Kaiserkrönung jeweils nach Rom begeben mussten, kümmerten sie sich auch intensiv um eine Herrschaft in Italien. Den klaren Vorrang des Kaisers gegenüber dem Papst konnte Heinrich IV. nicht mehr halten. Der Streit um die Einsetzung von Bischöfen (Investiturstreit) endete gegenüber Papst Gregor VII. im Jahr 1077 mit einem Bußgang nach Canossa. Seither standen sich Papst und Kaiser gleichrangig gegenüber. Trotz äußerlicher Machtfülle in der folgenden Staufer-Dynastie vollzog sich eine territoriale Zersplitterung - die geistlichen und weltlichen Fürsten wurden zu halbsouveränen „Landesherren“. Während in anderen Ländern Westeuropas Nationalstaaten entstanden, strebten die Kräfte in Deutschland auseinander. Das war der Ursprung dafür, dass die Deutschen über die Jahrhunderte zu einer „verspäteten Nation“ wurden.

Nationalsozialismus

Ende der Zwanzigerjahre fanden linker und rechter Radikalismus in horrender Arbeits­losigkeit und weit verbreiteter wirtschaftlicher Not reichlich Nahrung. Im Reichstag kamen keine regierungsfähigen Mehrheiten mehr zustande. Die Kabinette waren abhängig von der Notverordnungskompetenz des Reichs­präsi­denten, wodurch ohne parlamentarische Zustimmung regiert werden konnte. Auf den sozialdemokratischen Reichs­präsi­denten Friedrich Ebert war bereits 1925 der Kandidat der Rechten, der ehemalige Feldmarschall Paul von Hindenburg, gefolgt. Er beachtete streng die Verfassung, fand aber kein wirkliches inneres Verhältnis zur Republik. Anfang 1933, als die schwersten Krisenzeiten bereits im Abklingen begriffen waren, rechneten sich Mitglieder des rechten Lagers aus, den extrem antidemokratischen Adolf Hitler durch eine Übertragung der Kanzlerschaft für ihre eigenen Zwecke nutzen zu können. Seine nationalsozialistische Bewegung war in Folge der Wirtschaftskrise die stärkste Kraft in Deutschland geworden, ohne freilich eine Mehrheit in der Bevölkerung und im Parlament auf sich vereinen zu können. Hindenburg ernannte ihn trotz eigener stärkster Bedenken zum Regierungschef und willigte auch in seine Forderung einer Auflösung des Reichstages ein. Die Machtergreifung hatte begonnen.  
 
Mit massiver Gewalt und Verfolgung schüchterte Hitler seine Gegner schon im Wahlkampf ein. Unter größtem Druck zwang er trotz Widerstand der Sozialdemokraten die noch nicht verhafteten oder geflüchteten Parlamentarier zu einem Ermächti­gungs­gesetz, das ihm nahezu unbegrenzte Gesetzgebungsbefugnisse übertrug. Die Nationalsozialisten zerschlugen binnen weniger Wochen alle demokratischen Schranken und ersetzten sie durch scheinlegale Strukturen. Hitler setzte die Grundrechte praktisch außer Kraft, verbot Gewerkschaften und Parteien (bis auf seine eigene), hob die Pressefreiheit auf und ging gegen missliebige Personen mit rücksichts­losem Terror vor. Tausende Menschen ver­schwanden ohne Gerichts­verfahren in Konzen­tra­tionslagern.  
 
Neben die politische Verfolgung trat von Anfang an ein Rassenwahn. Er orientierte sich an der Chimäre einer "nordischen" Rasse und entwickelte sich über Gedanken zu "lebensunwertem", da nicht den Idealvorstellungen entsprechendem Leben zu systematischer Euthanasie. Während dieses aus Furcht vor Protesten eher vertraulich gehandhabt wurde, wurden antisemitische Exzesse in der Öffentlichkeit verübt. Vor aller Augen wurden jüdische Mitbürger durch die Staats- und Parteiorganisationen geschnitten, gedemütigt, aus öffentlichen Ämtern entlassen, bedroht und schließlich systematisch verfolgt. 1938 wurden Synagogen und andere jüdische Einrichtungen in einem Pogrom zerstört. Die Vorstellungskraft vieler Menschen reichte nicht aus, um zu erahnen, was die NS-Schergen mit den in KZ-Lager gebrachten Juden anstellten. "Vernichtung" durch unmenschliche Unterbringung und Arbeitsanstrengungen, zynische und menschenverachtende medizinische Experimente und schließlich die Ermordung aller Juden, derer das Regime - vor allem in den eroberten Ostgebieten - habhaft wurde. Schätzungsweise sechs Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden binnen weniger Jahre ermordet.  
 
Die deutsche Öffentlichkeit reagierte zwiespältig auf diese Vorgänge: hier die hemmungslose Gewalt, dort die spürbaren Erfolge. Die wirtschaftliche Wiederbelebung, die schon vor dem Machtantritt Hitlers begonnen hatte und jeder Regierung zugute gekommen wäre, beschleunigte er aus Sicht der Arbeitslosen durch propagandistisch groß angelegte Arbeitsbeschaffungsprogramme und ein beispielloses Aufrüstungsprogramm, das den Staat früher oder später in einen Bankrott treiben musste - wenn nicht (etwa durch Ausbeutung eroberter Gebiete) Geld in die Kasse gekommen wäre. Außenpolitische Erfolge wie die Rückkehr des Saarlandes ins Deutsche Reich stärkten Hitlers Stellung zusätzlich. Die nächsten Stationen: 1936 rückten deutsche Truppen in das seit 1919 entmilitarisierte Rheinland ein, 1938 wurde Österreich einverleibt, und im selben Jahr gestanden die Westmächte Hitler auch die Annexion des Sudetenlandes zu.

Neue Länder

Als „neue Länder“ werden die fünf Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bezeichnet. Sie wurden durch das Länderneugliederungsgesetz der DDR vom 22. Juli 1990 wiedererrichtet, das die bisher zentralistische DDR in einen föderativen Staat umwandelte. Auch Ostberlin erhielt Landesbefugnisse. Mit der deutschen Einigung wurde dem Land Berlin, das in der Bundesrepublik über einen Sonderstatus verfügte, Ostberlin hinzugefügt.

Neue Ostpolitik

Das atomare Patt zwischen den beiden Supermächten hatte einen Prozess der Entspannung eingeleitet, der trotz der Niederschlagung der Prager Reformpolitik („Prager Frühling“) von 1968 weiter verfolgt wurde und zu konkreten Ergebnissen führte: Das Kernstück der Entspannungs- und Friedenspolitik von Bundeskanzler Willy Brandt bildete der Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion über Gewaltverzicht und Anerkennung der Unverletzlichkeit der Grenzen in Europa. Im „Brief zur deutschen Einheit“ bekräftigte die Bundesregierung einseitig ihren Wiederver­einigungs­anspruch. Im Warschauer Vertrag vom 7. Dezember 1970 wurden die Beziehungen zu Polen normalisiert und die Oder- Neiße-Linie als polnische Westgrenze anerkannt. Das Viermächte- Berlin-Abkommen vom 3. September 1971 bekräftigte den Status quo der Stadt. West-Berlin war zwar kein konstitutiver Teil der Bundesrepublik Deutschland, aber die „Bindungen“ zwischen ihnen sollten aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. Ermöglicht wurden „praktische Verbesserungen der Lage“, die die Teilung der Stadt erträglicher und die Mauer durchlässiger machten. Insgesamt wurde die Berlin-Frage entschärft und reguliert. Im Grundlagenvertrag vom 21. Dezember 1972 zwischen den beiden deutschen Staaten wurden die deutsch-deutschen Beziehungen normalisiert. Die Einrichtung von Ständigen Vertretungen wurde vereinbart. Es öffnete sich der Weg für eine Vielzahl von Einzelverträgen. Am 18. September 1973 wurden die beiden deutschen Staaten in die UNO aufgenommen, beide Staaten unterzeichneten am 1. August 1975 die KSZE-Schlussakte in Helsinki über Fragen der Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa.  

 
Für seine „Politik der Versöhnung zwischen alten Feindbildern“ erhielt Bundeskanzler Willy Brandt 1971 als erster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg den Friedens­nobel­preis. Zu diesem Zeitpunkt waren die Vertragswerke jedoch noch nicht ratifiziert. Leidenschaftliche Debatten liefen in Volk und Parlament um die Frage, ob die Wieder­ver­einigung durch die Anerkennung der Fakten erschwert oder der Zugang zu den ehemaligen deutschen Ostgebieten in einem Europa freundschaftlich verbundener Völker erleichtert werde. Die Regierungsmehrheit bröckelte, so dass Oppositionsführer Rainer Barzel gute Chancen hatte, Brandt durch ein konstruktives Misstrauensvotum abzulösen. Der Versuch scheiterte am 27. April 1972. Am 17. Mai 1972 billigte der Bundestag bei Enthaltung der meisten Unionsabgeordneten die Verträge mit Moskau und Warschau. In einer „interpretierenden Entschließung“ fügte das Parlament hinzu, dass diese Verträge nicht im Widerspruch zur friedlichen Wiederherstellung der deutschen Einheit stünden. Vorgezogene Neuwahlen ergaben eine noch deutlichere Mehrheit für die sozial-liberale Koalition und damit auch die klare Unterstützung für die Ostpolitik der Regierung Brandt.

Niedergang der DDR

In der DDR  hatte sich die große Mehrheit der Bevölkerung trotz Kommandowirtschaft, Geheimpolizei, SED-Allmacht und strikter Zensur mit dem System arrangiert. Dazu trug die staatlich geregelte und subventionierte und daher für den Einzelnen sehr preisgünstige Grundversorgung bei. Eine vielfältige Lebensgestaltung war in Nischen des teilweise elastischen Systems möglich. Große internationale Sporterfolge sorgten ebenso für Genugtuung der Werktätigen wie der Umstand, dass die DDR  trotz größter Reparationsleistungen innerhalb der Gemeinschaft sozialistischer Länder schon bald die höchste Prokopf-Industrieproduktion und den höchsten Lebensstandard vorweisen konnte.  

 
Trotz der Propaganda wuchs in der Bevölkerung jedoch die Einsicht, dass die angestrebte wirtschaftliche Überrundung des Westens Fiktion bleiben würde. Erschöpfung der Ressourcen und Produktivitätsverluste durch Zentralismus und Planwirtschaft zwangen das DDR-Regime, Vorgaben und Versprechungen zu strecken und immer wieder finanzielle Anleihen im Westen anzunehmen. Bei den Konsumgütern herrschte das Prinzip der Improvisation. Vor allem für die junge Generation wurde dieser Staat mit seiner umfassenden Bespitzelung und Dauerpropaganda fragwürdig. Es wuchs das Verlangen nach Selbst- und Mitbestim­mung, nach individuellen Freiheiten sowie nach mehr und besseren Konsumgütern.  
 
Immer mehr Menschen kamen Mitte der Achtzigerjahre in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin sowie in die deutschen Botschaften in Prag und Warschau, um nach neuen Wegen zur Ausreise in die Bundesrepublik zu suchen. Das Streben nach Freiheit förderte von 1985 an der neue sowjetische Machthaber Michail Gorbatschow, der für Auflockerung, Vertrauen und Transparenz stand. Die SED-Führung wollte sich indes von den Gorbatschow-Devisen „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“ (Offenheit) nicht anstecken lassen.  
 
Bereits 1987 griff Helmut Kohl bei einem Besuch Erich Honeckers in Bonn eine neue Perspektive für die deutsch-deutschen Beziehungen auf, die sich aus dem Schwenk der Politik in Moskau ergab: „Wir achten die bestehenden Grenzen, aber die Teilung wollen wir auf friedlichem Wege durch einen Prozess der Verständigung überwinden.“  
 
Weitere erfolgreiche Abrüstungs­verhand­lungen zwischen Ost und West verstärkten in der DDR die Forderungen nach Reformen und mehr Freiheit. Anfang 1988 wurden bei Demonstrationen in Ost-Berlin 120 Anhänger der Friedensbewegung „Kirche von unten“ festgenommen. Für die Inhaftierten hielt die Kirche einen Gedenkgottesdienst ab, an dem über 2.000 Menschen teilnahmen. Zwei Wochen später kamen bereits 4.000 zur Gethsemanekirche, während die Polizei in Dresden eine Demonstration für Menschenrechte, Meinungs- und Presse­freiheit auseinandertrieb.  
 
Vom Sommer 1989 an gerieten die DDR-Strukturen in einen sich immer schneller drehenden Strudel. Ungarn öffnete seine Grenzen für ausreisewillige DDR-Bürger, so dass Tausende von ihnen über Österreich in die Bundesrepublik gelangen konnten. Dieser Ausbruch aus der Disziplin der Warschauer-Pakt-Staaten ermutigte in der DDR immer mehr Menschen zu Protestaktionen. Sie knüpften dabei an eine bescheidene Oppositionsbewegung an, die sich seit den Siebzigerjahren vorwiegend im kirchlichen Raum ausgebreitet hatte. Als die DDR-Führung Anfang Oktober 1989 mit großem Propagandaaufwand den 40. Jahrestag der Staatsgründung feierte, kam es vor allem in Leipzig zu ersten Massenprotesten. „Wir sind das Volk“ war der Slogan. Anders als 1956 in Ungarn, 1968 in Prag und 1980 in Polen wurde sehr schnell klar, dass die Sowjetunion an einer gewaltsamen Unterdrückung diesmal kein Interesse hatte. Das verstärkte den Druck auf den alten Apparat zusätzlich. Aber selbst der Rücktritt Honeckers von der Staatsund Parteispitze und das „Wende“-Versprechen seines Nachfolgers Egon Krenz vermochten die Auflösung nicht zu stoppen. Ministerrat und Politbüro der SED traten geschlossen zurück.

Spätmittelalter/Frühe Neuzeit

Mit der „Goldenen Bulle“ schuf Karl IV. im Jahr 1356 eine Art Reichsgrundgesetz. Darin erhielten sieben herausgehobene Fürsten, die Kurfürsten, unter anderem das aus­schließ­liche Recht zur Königswahl. Während die kleinen Grafen, Herren und Ritter allmählich an Bedeutung verloren, wuchs die wirtschaftliche Macht der Städte. Ihr Zusammenschluss in Bünde machte sie noch stärker: Die Hanse wurde im 14. Jahrhundert zur führenden Macht im Ostseeraum. In einer Reichsreform verwirklichte Maximilian I. - der erste Kaiser ohne Krönung - 1495 eine neue formale Ordnung mit Reichstag, Reichs­kreisen und Reichskammergericht. Aber die inhaltliche Belebung schlug fehl. Stattdessen entwickelte sich ein Dualismus von „Kaiser und Reich“: Dem Reichsoberhaupt standen die Reichsstände - Kurfürsten, Fürsten und Städte - gegenüber. Die Kaiser gingen bei ihrer Wahl „Kapitulationen“ ein, ihre Stellung wurde immer mehr ausgehöhlt. Zugleich wuchs der Einfluss der großen Fürsten.  
 
Aber der Reichsverbund bestand weiter. In ihm wurden die Städte zu wichtigen wirtschaftlichen Zentren. In Textilindustrie und Bergbau ging die Wirtschaftsform über das Zunftwesen der Handwerker hinaus. Wie beim wachsenden Fernhandel trug sie frühkapitalistische Züge. Geprägt von Renaissance und Humanismus erwachte ein kritischer Geist, der sich vor allem gegen kirchliche Missstände richtete. Diese Unzufriedenheit entlud sich nach dem Auftreten Martin Luthers in der Reformation. Diese Bewegung begann mit der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen gegen die Missstände in der alten katholischen Kirche am 31. Oktober 1517. Ihr Ziel war eine Rückführung der kirchlichen Lehre auf die im Evangelium offenbarten Glaubenswahrheiten. Die Folgen reichten weit über religiöse Ansprüche hinaus. Das gesamte soziale Gefüge bewegte sich, die Reichsritter wagten den Aufstand. Politische wie soziale Bestrebungen kamen 1525 im Bauernkrieg zum Ausdruck - der ersten größeren revolutionären Entwicklung in der deutschen Geschichte. Er wurde blutig niedergeschlagen.

Stunde Null

Die Stunde Null für das Deutschland der Nachkriegszeit schlug mit der Kapitulation am 8./9. Mai 1945. Die letzte amtierende Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz wurde verhaftet und zusammen mit anderen hohen Verantwortlichen der national­sozia­listischen Diktatur bei den Nürnberger Kriegsverbrecher- Prozessen unter Anklage wegen Verbrechen gegen Frieden und Menschlichkeit gestellt. Die vier Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich übernahmen die oberste Gewalt und teilten die Hauptstadt in vier Sektoren und das Reichsgebiet in vier Besatzungs­zonen. Die Ostgebiete wurden unter polnische beziehungsweise sowjetische Verwaltung gestellt.  
 
Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 waren sich die vier Siegermächte einig, dass Deutschland entnazifiziert, entmilitarisiert, wirtschaftlich dezentralisiert und die Deutschen zur Demokratie erzogen werden sollten. Freilich verbanden nicht alle Beteiligten dieselben Inhalte mit diesen Begriffen. Die westlichen Siegermächte gaben in Potsdam zudem ihre Zustimmung zu einer Ausweisung der Deutschen aus den deutschen Ostgebieten, aus Ungarn und der Tschechoslowakei. Die westliche Vorbe­dingung, dies „human“ durchzuführen, fand in der Realität kaum Niederschlag. Viele der rund zwölf Millionen betroffenen Deutschen erlebten ein brutales Vorgehen der neuen Machthaber.  
 
Ein Minimalkonsens bestand in der Vereinbarung, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln und mittelfristig gesamtdeutsche Zentralverwaltungen einzusetzen. Dieser Beschluss blieb jedoch ohne praktische Folgen, denn die unterschiedlichen Entwicklungen in der sowjetisch besetzten Zone auf der einen und den westlich besetzten Zonen auf der anderen Seite erstickten eine einheitliche Behandlung Deutschlands schon im Keim. Dazu trugen auch die Reparationen bei, die für die Sowjetunion von zentraler Bedeutung waren.

Moskau forderte als Reparationen Gesamtleistungen Deutschlands an die Siegermächte in Höhe von 20 Milliarden Dollar, vor allem durch Demontagen und Entnahmen aus laufender Produktion. Die Hälfte sollte an die Sowjetunion gehen. Am Ende bezogen die Siegermächte die Reparation insbesondere aus ihren eigenen Besatzungszonen, wodurch einer wirtschaftlichen Teilung Deutschlands Vorschub geleistet wurde. Nach westlichen Berechnungen leistete die Sowjetische Besatzungszone und spätere DDR rund 14 Milliarden Dollar Reparationen an die Sowjetunion - mehr als die Sowjetunion ursprünglich vom gesamten Deutschland verlangt hatte.

Weimarer Republik

Benannt nach der in Weimar tagenden verfassunggebenden Nationalversammlung, wurde die junge Republik in den Anfangs­jahren von einer parlamentarischen Mehrheit aus Sozialdemokratie, Deutscher Demo­kratischer Partei und Zentrum gestaltet und geprägt. Die Demokratie funktionierte. Die SPD hatte sich von den revolutionären Vorstellungen der Frühzeit getrennt. Versuche zum radikalen Umsturz der Ordnung in Richtung einer sozialistischen Herrschaft wurden niedergeschlagen. Das Privat­eigentum in Industrie und Landwirtschaft blieb unangetastet, und die zumeist anti­republikanisch eingestellte Beamten- und Richterschaft behielt ihre Posten.  
 
Doch schon in den Zwanzigerjahren zeigte sich, wie brüchig die Basis in der Bürgerschaft war. Wirtschaftskrise, Inflation, Ruhrbesetzung und kommunistische Umsturzbemühungen machten 1923 in einer Situation allgemeiner Verwirrung deutlich, dass in Weimar die Demokraten in der Minderheit waren. Die folgende wirtschaftliche Erholung führte zu einer politischen Beruhigung. Und auch außenpolitisch gewann das besiegte Deutschland unter anderem 1925 im Locarno-Vertrag und 1926 durch den Beitritt zum Völkerbund international wieder gleichberechtigten Status. Für kurze Zeit empfanden Teile der Bevölkerung ihre Situation in Wissenschaft, Kunst und Kultur sogar als „Goldene Zwanziger“. Die Blütezeit war intensiv, aber sie war kurz. Denn in der neuen Wirtschaftskrise zeichnete sich bereits 1929 der Niedergang der Republik ab.