Die Weimarer Republik

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Die Kontinuität zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik, wie sie aus dem Sturz der Monar­chie im November 1918 und den Wahlen zur ver­fassung­geben­den Deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 hervorging, war in der Tat beträchtlich.

In gewisser Weise lebte sogar die Institution des Monar­chen in ver­änder­ter Form fort: Das Amt des vom Volk gewählten Reichspräsidenten war mit so starken Befug­nissen ausgestattet, dass schon Zeitgenossen von einem „Kaiserersatz“ oder einem „Ersatzkaiser“ sprachen.

Auch moralisch gab es keinen Bruch mit dem Kaiserreich. Eine ernsthafte Aus­ein­ander­setzung mit der Kriegsschuldfrage fand nicht statt, obwohl (oder weil) die deutschen Akten eine klare Sprache sprachen: Die Reichsleitung hatte nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914 die internationale Krise bewusst zugespitzt und trug damit die Haupt­verant­wortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Folge der fehlenden Kriegs­schulddiskussion war eine deutsche Kriegs­unschuldlegende. Zusammen mit der Dolchstoßlegende (der zufolge der Verrat in der Heimat zur Niederlage Deutschlands geführt hatte) trug sie dazu bei, die Legitimität der ersten deutschen Demokratie zu untergraben.

Der Friedensvertrag von Versailles, den Deutschland am 28. Juni 1919 unterzeichnen musste, wurde von fast allen Deutschen als schreiendes Unrecht empfunden. Das lag an den Gebietsabtretungen, vor allem an denen zugunsten des neu entstandenen Polen, an den materiellen Belastungen in Form der Reparationen, dem Verlust der Kolonien und den militärischen Beschränkungen, die allesamt mit der Kriegsschuld des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten begründet wurden. Als ungerecht galt auch, dass Österreich die Vereinigung mit Deutschland untersagt wurde. Nachdem mit dem Untergang der Habsburgermonarchie das Haupthindernis für die Verwirklichung der großdeutschen Lösung entfallen war, hatten sich die Revolu­tions­regierungen in Wien und Berlin (Berlin der „Goldenen Zwanziger“) für den sofortigen Zusammenschluss der beiden deutschsprachigen Republiken aus­ge­sprochen. Der Popularität dieser Forderung konnten sie sich in beiden Ländern gewiss sein.

Die Anschlussverbote in den Friedensverträgen von Versailles und Saint-Germain vermochten das Wiedererstarken des großdeutschen Gedankens nicht zu verhindern. Er verband sich mit einer Renaissance der alten Reichsidee: Gerade weil Deutschland militärisch geschlagen war und an den Folgen der Niederlage litt, war es empfänglich für die Lockungen, die von einer verklärten Vergangenheit ausgingen. Das Heilige Römische Reich des Mittelalters war kein Nationalstaat, sondern ein übernationales Gebilde mit universalem Anspruch gewesen. Auf dieses Erbe beriefen sich nach 1918 vor allem Kräfte auf der politischen Rechten, die Deutschland eine neue Sendung zuschrieben: Es sollte in Europa als Ordnungsmacht im Kampf gegen westliche Demokratie und östlichen Bolschewismus voranschreiten.

Als parlamentarische Demokratie ist die Weimarer Demokratie nur elf Jahre alt geworden. Ende März 1930 zerbrach die letzte, von dem Sozialdemokraten Hermann Müller geführte Mehrheitsregierung an einem Streit um die Sanierung der Arbeits­losen­versicherung. An die Stelle der bisherigen Großen Koalition trat ein bürgerliches Minderheitskabinett unter dem katholischen Zentrumspolitiker Heinrich Brüning, das seit dem Sommer 1930 mit Hilfe von Notverordnungen des Reichspräsidenten, des greisen Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg, regierte. Nachdem bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 Adolf Hitlers Nationalsozialisten (NSDAP) zur zweitstärksten Partei aufgestiegen waren, ging die Sozialdemokratie (SPD), die immer noch stärkste Partei, dazu über, das Kabinett Brüning zu tolerieren. Auf diese Weise sollte ein weiterer Rechtsruck im Reich verhindert und die Demokratie im größten Einzelstaat, in Preußen, gewahrt werden, wo die SPD zusammen mit dem katholischen Zentrum, der Partei Brünings, und den bürgerlichen Demokraten regierte.

Der Reichstag hatte seit dem Übergang zum präsidialen Notverordnungssystem als Gesetzgebungsorgan weniger zu sagen als in der konstitutionellen Monarchie des Kaiserreichs. Die Entparlamentarisierung bedeutete eine weitgehende Ausschaltung der Wähler, und ebendies gab antiparlamentarischen Kräften von rechts und links Auftrieb. Am meisten profitierten davon die Nationalsozialisten. Seit die Sozial­demo­kraten Brüning stützten, konnte Hitler seine Bewegung als die einzige volkstümliche Alternative zu allen Spielarten des „Marxismus“, der bolschewistischen wie der reformistischen, präsentieren. Er war nun in der Lage, an beides zu appellieren: an das verbreitete Ressentiment gegenüber der parlamentarischen Demokratie, die ja inzwischen tatsächlich gescheitert war, und an den seit Bismarcks Zeiten verbrieften Teilhabeanspruch des Volkes in Gestalt des allgemeinen gleichen Wahlrechts, das von den drei Präsidialregierungen – Brüning, Papen und Schleicher in den frühen dreißiger Jahren – um seine politische Wirkung gebracht wurde. Hitler wurde so zum Hauptnutznießer der ungleichzeitigen Demokratisierung Deutschlands: der frühen Einführung eines demokratischen Wahlrechts und der späten Parlamentarisierung des Regierungssystems.

Heinrich August Winkler

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