Herausforderung „Aufbau Ost“

Blick auf die Altstadt von Görlitz
Blick auf die Altstadt von Görlitz picture-alliance/ZB
Der Prozess der Wiedervereinigung ist historisch ohne Vorbild und ein nationaler Kraftakt, der nicht innerhalb von wenigen Jahren zu vollenden ist.

Nach dem Zusammenbruch der DDR stellte sich heraus, dass die durchschnittliche Produktivität des Landes bei einem Drittel der Produktivität in der Bundesrepublik lag, sodass die mit der Privatisierung der volkseigenen Betriebe beauftragte Treuhandanstalt am Ende anstatt der erwarteten 600 Milliarden D-Mark Gewinn (rund 300 Milliarden Euro) ein Defizit von 230 Milliarden D-Mark auswies. Die Hoffnung, die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur der neuen Länder aus Privatisierungserlösen von sogenanntem „Volkseigentum“ finanzieren zu können, hatte getrogen.

Die Kosten der deutschen Einheit entwickelten sich wesentlich dynamischer, als man in den pessimistischsten Schätzungen angenommen hatte. Die sozialen Lasten der Einheit hatte die Bevölkerung im Osten, die finanziellen weitgehend die Bevölkerung im Westen zu tragen. So folgte dem Annus mirabilis 1989/1990 ein nüchterner Konvergenzprozess mit langfristiger Perspektive. Darüber wurden die Erfolge des „Aufbaus Ost“, die sich allmählich sichtbar einstellten, nicht immer adäquat wahrgenommen.

Zu den spektakulärsten Ergebnissen des „Aufbaus Ost“ gehört die Sanierung der innerstädtischen Wohnquartiere nicht nur der Städte wie Dresden, Leipzig, Chemnitz oder Halle, die zu DDR-Zeiten einem kontinuierlichen Verfall ausgesetzt gewesen waren. Weitere Beispiele sind die Telekommunikationsausstattung der neuen Länder, die zu den modernsten in Europa gehört, der Aufbau einer konkurrenzfähigen universitären Landschaft sowie die weltweit führende Position der dort neu angesiedelten Betriebe der Solar- und Umwelttechnologie. Auch im Bereich der Infrastruktur, des Umwelt- und Naturschutzes, der Tourismusentwicklung und des Erhalts von Kulturgütern sind immense Anstrengungen unternommen worden.

Dem steht die – im Vergleich zu den ersten Jahren der Einheit abgeschwächte – Wanderungsbewegung vor allem junger Menschen von Ost nach West sowie die damit verbundene Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung in den neuen Ländern gegenüber. Der Abwanderung von Menschen aus dem Osten korrespondieren Transferleistungen aus dem Westen. Die mit dem „Aufbau Ost“ unternommenen Anstrengungen sind ein Beispiel nationaler Solidarität, wie sie in einer von postnationalen Diskursen geprägten politischen Atmosphäre kaum zu erwarten gewesen wäre. Trotz aller Fortschritte bleibt die Angleichung der Lebensverhältnisse ein vorrangiges Thema bei der Vollendung der inneren Einheit.

Herfried Münkler

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