Plurale Lebensformen

Familie hat einen hohen Stellenwert – inzwischen nehmen auch viele Väter Elternzeit in Anspruch
Familie hat einen hohen Stellenwert – inzwischen nehmen auch viele Väter Elternzeit in Anspruch Sean Gallup/Getty Images
Neue Formen des Zusammenlebens prägen die deutsche Gesellschaft. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird gezielt gefördert.

Auch in der individualisierten und hoch mobilen Welt des 21. Jahrhunderts kommt der Familie eine zentrale Bedeutung zu. Für fast neun von zehn Deutschen ist die Familie weiterhin die wichtigste soziale Institution und prägende Bezugsgruppe. Gleichzeitig verändert sich die Vorstellung darüber, wie eine Familie typischerweise aussieht, zunehmend. Nur knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt noch in einer Familie. Trotz der rückläufigen Entwicklung traditioneller Familien­struk­tu­ren waren Ehepaare mit minderjährigen Kindern 2014 mit 69 Prozent die häufigste Familienform. Die Zahl der Eheschließungen sinkt tendenziell, 2013 lag sie bei 373.600. Etwas mehr als jede dritte Ehe wird wieder geschieden. Die durchschnittliche Dauer der 2013 geschiedenen Ehen betrug 14 Jahre und acht Monate. Rund 44.000 Ehen werden zwischen Deutschen und Ausländern geschlossen.

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Deutlich steigt die Zahl der Paare mit Kindern in nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Zwischen 1996 und 2013 verdoppelte sich ihr Anteil an den heute 8,1 Millionen Familien; jedes zehnte Paar mit Kind ist unverheiratet. Familien mit nur einem Elternteil sind die am stärksten wachsende Familienform. Alleinerziehende bilden inzwischen ein Fünftel aller Eltern-Kind-Konstellationen: Neun von zehn der 1,64 Millionen Allein­erziehenden sind Frauen. Alleinerziehende sind häufig erheblichen Armutsrisiken ausgesetzt, 40 Prozent von ihnen beziehen staatliche Unterstützungsleistungen.

Zu den an Bedeutung gewinnenden Lebensformen gehören die gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. 2013 wohnten in Deutschland 78.000 homosexuelle Paare zusammen – ein Drittel mehr als zehn Jahre zuvor. Rund 35.000 von ihnen leben in einer eingetragenen Partnerschaft, die seit 2001 gleichgeschlechtlichen Paaren eine rechtliche Absicherung ihrer Beziehung ermöglicht.

Während einerseits neue Formen des Zusammenlebens entstehen, wächst die Zahl der Ein-Personen-Haushalte. 41 Prozent aller Privathaushalte sind Single-Haushalte – 16,5 Millionen Menschen leben allein. Diese Entwicklung ist einerseits Folge des demografischen Wandels, durch den sich die Zahl der alleinlebenden älteren Menschen erhöht, andererseits leben auch mehr junge Menschen als Single.

Gezielte Familienförderung 
durch Elternzeit und Elterngeld

In den innerfamiliären Strukturen verändern sich Koordinaten ebenfalls. Die generationellen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sind oft gut und werden meist nicht durch überkommene oder autoritäre Erziehungsmuster, sondern durch Mitsprache, Zuwendung, Förderung und Erziehung zur Selbstständigkeit geprägt. Der Anteil der berufstätigen Mütter ist auf über 66 Prozent gestiegen (2006: 61 Prozent). Mehr als 70 Prozent der erwerbstätigen Frauen mit Kindern arbeiten indes auf Teilzeitbasis, vor allem jene mit Kindern im Vorschulalter; bei den erwerbstätigen Vätern sind dies lediglich 5 Prozent. 2014 lag die Erwerbstätigenquote der Frauen in Deutschland bei 73,1 Prozent, der zweithöchste Wert in der EU, deutlich über dem EU-Durchschnitt (62,3 Prozent).

Die 2007 eingeführte Elternzeit macht die 
Familiengründung und die berufliche Wei­ter­entwicklung leichter miteinander vereinbar. Sie ist eines von zahlreichen Angeboten, die Eltern stärken und zu einer familienfreundlichen Gesellschaft beitragen. Die Elternzeit erlaubt es beiden Partnern, die Arbeit für bis zu drei Jahre ruhen zu lassen. Während der Elternzeit erhalten sie bis zu 14 Monate lang Elterngeld in Höhe von 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens – mindestens 300, maximal 1.800 Euro – zur Sicherung des Lebensunterhaltes.

75 Prozent der Deutschen empfinden das 
Elterngeld als eine gute Regelung, fast alle Eltern nutzen das Angebot. Allerdings nehmen vier von fünf Vätern lediglich den Mindestzeitraum von zwei Monaten frei. Weiterhin sind es vor allem die Mütter, die nach der Geburt des Kindes längere Zeit zu Hause bleiben. Mit dem 2015 ergänzten Elterngeld Plus lohnt sich der frühe Wiedereinstieg in den Beruf für sie nun mehr. Eltern, die in Teilzeit arbeiten, bekommen dadurch bis zu 28 Monate lang finanzielle Unterstützung.

Seit dem 1. August 2013 haben Kinder nach dem ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Mittlerweile besucht jedes dritte Kind unter drei Jahren – 2015 waren dies insgesamt 694.500 Kinder – eine der 54.000 Kindertagesstätten (Kitas) oder wird von einer der 44.000 Tagesmütter betreut. Seit 2006 hat sich die Zahl der Betreuungsplätze für unter Dreijährige mehr als verdoppelt.

Elternzeit, Elterngeld und verbesserte Rahmenbedingungen für die frühkindliche und vorschulische Betreuung schaffen weitere Voraussetzungen für die im Grundgesetz festgeschriebene Gleichberechtigung von Frauen. Während junge Frauen im Bildungsbereich die jungen Männer nicht nur eingeholt, sondern zum Teil überholt haben (2014: 54,4 Prozent Frauen mit Hochschulreife, 48,7 Prozent Frauen unter den Studienanfängern 2014/15), bestehen zwischen den Geschlechtern nach wie vor Unterschiede bei Verdienstchancen und Karrierewegen: Vollzeitbeschäftigte Frauen verdienen durchschnittlich nur etwa 78 Prozent des Gehalts ihrer männlichen Kollegen. In Leitungspositionen sind sie weiterhin unterrepräsentiert. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge sind von den 877 Vorstandssitzen der Top-200-Unternehmen nur 47 mit Frauen besetzt.

Seit 2015 gilt in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen. Es legt unter anderem fest, dass 30 Prozent der Posten in Aufsichtsräten börsennotierter Unternehmen mit Frauen besetzt sein müssen. 3.500 weitere Unternehmen müssen sich künftig verbindliche Ziele für die Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen setzen. Gut entwickelt hat sich der Anteil der Frauen im Bundestag: Derzeit liegt er bei 36,5 Prozent – bis 1983 lag er noch unter 10 Prozent.

Inklusion als eine wichtige 
gesellschaftliche Aufgabe

Chancengleichheit schaffen will die Bundesregierung auch für Menschen mit Behinderung. Ziel ist eine inklusive Gesellschaft, in der jeder überall dabei sein kann: in der Schule, im Beruf, in der Freizeit. Nötig ist dafür eine umfassende Barrierefreiheit – Hindernisse in Gebäuden, auf Straßen und Wegen sollen ebenso abgebaut werden wie soziale Hürden, beispielsweise beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Deutschland hat 2007 als einer der ersten Staaten die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit 
Behinderungen unterzeichnet. Ein Nationaler Aktionsplan regelt die Umsetzung. Er sieht unter anderem vor, schwerbehinderte Jugendliche intensiv auf das Berufsleben vorzubereiten. Über den Aktionsplan hinaus soll ein Bundesteilhabegesetz entstehen. Die Unterstützung für Menschen mit Behinderung soll sich so noch enger an der individuellen Lebenssituation ausrichten.

Eine weitere Gruppe, deren Bedürfnisse und Potenziale die Bundesregierung besonders im Blick hat, sind die älteren Menschen. 17 Millionen Menschen in Deutschland sind 65 Jahre und älter. Ihr Erfahrungsschatz gilt als ein Gewinn für die Gesellschaft. Ihre Lebensformen haben sich ebenfalls diversifiziert und verändert, insgesamt sind ältere Menschen heute wesentlich aktiver als früher. Häufig sind sie auch noch in den Arbeitsmarkt integriert. Einen intensiven Dialog zwischen Älteren und Jüngeren fördern die 450 Mehrgenerationenhäuser, die als Orte der Begegnung Menschen unterschiedlichen Alters zusammenbringen.

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