Zuwanderung gestalten

Staatsministerin Aydan Özoğuz ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration
Staatsministerin Aydan Özoğuz ist die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Martin Stoever/Bongarts/Getty Images
Deutschland hat sich zu einem beliebten Einwanderungsland entwickelt, Integration ist ein wichtiges Thema. 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben hier.

Deutschland ist als Zielland für Zuwanderer in die Weltspitze aufgerückt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellte fest, dass Deutschland nach den USA 2014 das beliebteste Einwanderungsland weltweit war. In keinem der 34 OECD-Länder ist die Zuwanderung in den vergangenen Jahren so stark gestiegen wie in Deutschland. Seit der Wiedervereinigung 1990 kamen 21 Millionen Menschen nach Deutschland – bei zugleich nur 
16 Millionen Fortzügen. 2013 gab es mit 1,2 Millionen Menschen die höchste Zuwanderung seit 1993, die Wanderungsbilanz zeigte für 2013 ein Plus von 437.000 Personen.

dpa/Julian Stratenschulte

Insgesamt leben 7,2 Millionen Menschen mit ausländischem Pass in Deutschland. Allerdings haben rund 16,4 Millionen Personen einen Migrationshintergrund. Zu ihnen zählen Zuwanderer, in Deutschland geborene Ausländer und Personen mit einem zugewanderten oder ausländischen Elternteil. Diese Gruppe entspricht einem Anteil von knapp über 20 Prozent der Gesamtbevölkerung, rund 10,5 Millionen von ihnen sind selbst zugewandert. Mehr als drei Viertel der Zuwanderer kommen aus einem anderen europäischen Staat. Laut Migrationsbericht kamen 2013 die meisten Zuwanderer aus Polen und Rumänien. Die größte ethnische Minderheit in Deutschland bilden die fast 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln (unter ihnen 1,3 Millionen deutsche Staats­an­gehörige). Viele Einwanderer der ersten Generation kamen nach dem Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 als unqualifizierte Arbeitskräfte. Heute sind auch Studierende, Unternehmer und Hochqualifizierte unter den Zuwanderern türkischer Herkunft. Eine weitere große Gruppe stammt aus dem früheren Jugoslawien oder dessen Nachfolgestaaten. 56 Prozent der Personen mit ­Migrationshintergrund haben heute einen deutschen Pass. 2014 wurden 108.420 Ausländerinnen und Ausländer eingebürgert. Die deutschstämmigen Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR sind mit etwa 4,5 Millionen Menschen die größte Einwanderergruppe.

Migranten leisten einen bedeutenden Beitrag zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Die Bundesregierung möchte weitere Zuwanderung ermöglichen, auch um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, der sich aus dem demografischen Wandel ergibt. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wird die Zahl der Deutschen im erwerbsfähigen Alter bis 2050 von 45 Millionen auf weniger als 29 Millionen sinken. Ohne weitere Zuwanderung erhöht sich der Druck auf die sozialen Sicherungssysteme. Vor allem das Rentensystem basiert auf einem Generationenvertrag, der darin besteht, dass heute Erwerbstätige in einem Umlageverfahren mit ihren Beiträgen die Renten der aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Generation finanzieren – in der Erwartung, dass die kommende Generation später die Renten für sie aufbringt. Der wachsende Bedarf an Fachkräften führt zunehmend gut qualifizierte Migranten nach Deutschland. Der Anteil von Akademikern unter den neuen Zuwanderern liegt über dem durchschnittlichen Anteil von Akademikern in der deutschen Bevölkerung.

Vor allem mit der Blauen Karte EU wurde ein zentraler Aufenthaltstitel geschaffen, der akademischen Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt erleichtert. Ein geplantes Gesetzeswerk soll die Regelungen zur Einwanderung miteinander verknüpfen.

Integration als wichtige Aufgabe der 
Migrationspolitik

Mit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts 2014 wurde die doppelte Staatsbürgerschaft eingeführt. Für in Deutschland nach 1990 geborene und aufgewachsene Kinder ausländischer Eltern wurde die „Optionspflicht“ abgeschafft: Zuvor mussten sie sich bis zum vollendeten 23. Lebensjahr für eine Staatsangehörigkeit entscheiden.

Migranten sind in Deutschland zunehmend besser integriert. Seit 2007 ist ihre Beschäftigungsquote um fünf Prozentpunkte gestiegen, dies ist der stärkste Anstieg innerhalb der OECD. Vor allem im Bereich Bildung gibt es aber noch deutliche Defizite. Problematisch ist der hohe Anteil von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln, die nur schlecht Deutsch lesen und schreiben können. Mehr als 30 Prozent der 20- bis 29-jährigen ausländischen Erwachsenen bleiben ohne Berufsabschluss. Ihre Bildungsbeteiligung zu erhöhen ist ein wichtiges Ziel der Bundesregierung.

Eine weitere besondere Aufgabe der Migrations- und Integrationspolitik ist der Flüchtlingsschutz. Das Grundgesetz sichert politisch Verfolgten ein Grundrecht auf Asyl. Deutschland bekräftigt damit seine historische und humanitäre Verantwortung. Zuletzt ist die Zahl der Schutzsuchenden deutlich gestiegen. Beantragten 2004 rund 50.000 Menschen Asyl, waren es 2014 mehr als 200.000. Aufgrund der anhaltenden Flüchtlingsströme aus den Kriegs- und Krisenregionen in Syrien, Irak und Afghanistan wird erwartet, dass bis Ende 2015 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zwischen 800.000 und einer Million Asylanträge eingehen werden. Deutschland stellt sich dieser Herausforderung und setzt sich zugleich für eine solidarische europäische Lösung der Flüchtlingsfrage ein.

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